Die Huf-Fessel-Achse im Lauf der Zeit

Maren Diehl • 8. August 2026
Huf-Fessel-Achse naxch Lungwitz

Der letzte Blogpost endete mit der Feststellung, dass die gerade Huf-Fessel-Achse kein empirisch validierter Goldstandard ist:

“Es ist keine Frage, dass es zahlreiche pathologische Versionen einer gebrochenen Huf-Fessel-Achse gibt. Aber das bedeutet nicht, dass eine ungebrochene Achse zwingend physiologisch ist, und es bedeutet ebensowenig, dass jede gebrochene Achse pathologisch ist.”, hatte ich geschrieben.

 
Ich bin weiter in das Rabbit Hole gekrochen und habe mir (nachdem ich im letzten Post darauf verwiesen hatte) eine der ersten Erwähnungen des heiligen Konstrukts bei Lungwitz [1] genauer angeschaut. In seinem Lehrbuch schreibt er "...the long pastern, wall at the toe, and foot-axis should have the same slant.” Er definiert die Huf-Fessel-Achse damit über die optischen Marker Fessel und Zehenwand. Ähnlich wie bei Hans von Heydebreck sehe ich auch hier die Zeichnungen als für das Verständnis sehr relevant an. Und in dieser verläuft die besagte Achse mittig durch die Fessel. Nicht durch das Fesselbein oder durch Hufbein, Kronbein, Fesselbein.

An anderer Stelle schreibt er aber “... the three phalanges, as viewed from the side, form a continuous straight line from the fetlock-joint to the ground”, und in den anatomischen Zeichnungen der Präparate in der online verfügbaren Ausgabe von 1913 sind diese Knochen auch zum Teil auf einer geraden Linie angeordnet. Seine beiden Zeichnungen der Huf-Fessel-Achse findet ihr im Bild zum Post verarbeitet, einmal mit Röntgenaufnahme und einmal mit Foto..

Es gibt also hier bereits zwei Definitionen. Vor allem das Kronbein ist aber beim lebenden Pferd visuell nicht erfassbar. Über der Kronbein-Vorderfläche liegen Strecksehne, Gelenkrezessus, Kronpolster und Kronsaum. Die sichtbare Fesselkontur folgt dem Weichteilprofil, und bei ungefähr paralleler Zehenwand und Fesselachse weicht die Achse des Kronbeins von der gedachten Linie ab.

Wir haben hier aber immerhin die ungefähre Normalitätsannahme eines Hufbeschlagsmeisters von 1884 (Erstausgabe)/1913 (online verfügbare Ausgabe), bezüglich der Zehenwandwinkel, die mit 45-50° für die Vorderhufe (für die Hintergliedmaße etwa 5° steiler) klar  in Worte gefasst ist. Das stellt für mich ein hilfreiches Gegengewicht zu den heute so verbreitet propagierten 50°-60° Zehenwandwinkel bei Vorderhufen dar.

Aber zurück zur Huf-Fessel-Achse. Die optische Einschätzung des Fesselstandes am lebenden Pferd setzt eine gewisse Erfahrung voraus. Und da man die Knochen von außen nicht sehen kann, ist sie aus wissenschaftlicher Sicht ziemlich ungenau.

Wenn man die Knochen aber im Röntgenbild sehen kann - und dann auch noch einen mehr, als die Außenansicht hergibt - kann man theoretisch die Huf-Fessel-Achse sehr genau bestimmen. Die Frage ist, ob das, was man dann misst, eine bessere Einschätzung der Gegebenheiten ermöglicht.

Ein brasilianisches Forscherteam [2] hat drei verschiedene etablierte radiologische Definitionen der Huf-Fessel-Achse miteinander verglichen (wobei keine davon die Mittelachsen von Kronbein und Fesselbein verwendet), und sie führen nicht zum gleichen Ergebnis. Die Wahl der Konstruktionslinien verschob das Ergebnis im Mittel um rund 3°.

Das bedeutet, dass die Huf-Fessel-Achse radiologisch nicht eindeutig definiert ist.

Es wurden mit allen drei Verfahren sämtliche 118 betrachteten Huf-Fessel-Achsen der Vorderbeine von Vollblütern (100%) als gebrochen eingestuft. Fotografisch - also optisch - erschienen dagegen 44.8% gerade. Somit entsprachen von 59 untersuchten klinisch unauffälligen Pferden 0% dem von den Forscher*innen vertretenen Ideal, während immerhin noch knapp 45% nach der optischen Einschätzung akzeptabel waren.

LEIDER unterscheiden sich aber auch Lungwitz’ optische Definition (die dorsale Zehenwand parallel zur mittleren Längsachse der sichtbaren Fessel) und die von Correa et al. (dorsale Zehenwand parallel zu der dorsalen Oberfläche beziehungsweise Kontur der Fessel), da bei einem Teil der Pferde die Fessel sich nach unten verjüngt. Hier habe ich auf Fotos eine Abweichung von bis zu 8° messen können.

Das Ganze ist also recht verwirrend, vor allem, wenn diese gewünschte optische gerade Achse in der Folge auf die Achsen der drei Knochen angewendet wird und hier das Ideal auf 180° festgelegt wird.

Zudem ist das Kronbein von seiner Geometrie her nicht dafür gemacht, sich mit seiner Mittelachse parallel zur Vorderseite des Fesselbeins oder auf einer geraden Linie mit dessen  Mittelachse zu befinden, da seine Gelenkfläche nicht symmetrisch auf dieser Achse liegt.

Dennoch gibt es eine lange Literaturtradition „P1–P2–P3 sollen eine Linie bilden". Aber ich finde keine belastbare Studie, die zeigt, dass exakt 180° beziehungsweise 0° Gelenkwinkel tatsächlich der physiologische Normalzustand oder gar das funktionelle Optimum sind. Im Gegenteil: radiographische Daten gesunder Pferde zeigen regelmäßig einige Grad Winkel sowohl im Huf- als auch im Krongelenk.

Vermutlich aufgrund der uneinheitlichen Definitionen wird der Begriff der Huf-Fessel-Achse in der Fachliteratur häufig, wie beispielsweise bei Mata et al 2024 [3], sehr vage erklärt:

“Die Huf-Fessel-Achse wird durch eine gedachte Linie dargestellt, welche die Beziehung zwischen Huf und Fessel in der Sagittalebene veranschaulicht. (HPA is represented by an imaginary line that illustrates the relationship between the hoof and the pastern in the sagittal plane.)”

Der Begriff „imaginary line“ (gedachte Linie) ist tatsächlich keine geometrische Definition, sondern eine konzeptionelle Beschreibung. Diese gedachte Linie ist ein sprachliches Konzept, und aus der Bezeichnung allein folgt überhaupt nichts über ihre Eigenschaften. Sie könnte theoretisch gerade, gekrümmt oder aus mehreren Segmenten zusammengesetzt sein.

Die Formulierung übernimmt einen fachlich vertrauten, aber inhaltlich weitgehend nichtssagenden Allgemeinplatz: Eine gedachte Linie soll eine nicht näher bestimmte „Beziehung“ zwischen Huf und Fessel veranschaulichen. Das Problem ist, dass der Satz Definition nur vortäuscht: Er sagt weder, welche Bezugslinien oder -punkte verwendet werden, noch wie die Beziehung gemessen oder bewertet wird.

Wir finden also bereits [1] historisch widersprüchliche Annahmen, in der tiermedizinischen Forschung [2] im Ergebnis differierende geometrische Konstruktionen und [3] schwammige Allgemeinplätze, die trotz fehlender Datenlage zu Empfehlungen führen wie ”um 50° Zehenwandwinkel und parallele Fesselachse sind vermutlich für die meisten Pferde nicht verkehrt”.

Deshalb habe ich bei den Pferden, um die es ja in erster Linie gehen sollte,  eine kleine Umfrage gemacht und die nach dem gleichen Protokoll aufgenommenen Fotos vom Fesselstand vor und nach dem Training vermessen.

Und damit kommen wir zum spannendsten Punkt:
Bei sieben Pferden haben wir den Fesselstand vor und nach dem Training gemessen. Sechs davon zeigten nach dem Training 2°- 10° flachere Winkel, eines (das mit den noch nicht gelösten Hufproblemen) um 8° steilere Winkel. Die meisten dieser unbeschlagenen Pferde haben übrigens bereits für unser Paper [4] als Fallbeispiele gedient, sind aktuell gesund, werden von ihren Besitzerinnen ähnlich trainiert und haben, bis auf den Ausreißer, eine ähnliche Hufgeometrie. Die Besitzerinnen haben Übung mit Dokumentation und Protokollen.

Die Hufgeometrie hatten wir in unserem Paper als Stellschraube für den Vorzeichenwechsel in den PSF-Zyklen beschrieben.

Die Frage wäre: Nach welchem Fesselstand sollte sich denn dann die Hufbearbeitung bzw. der Beschlag richten, wenn man sich denn danach richten wollte?

[1] Lungwitz, A. (1884). Der Lehrmeister im Hufbeschlag
Englische Übersetzung 1913: https://www.gutenberg(dot)org/cache/epub/66786/pg66786-images.html

[2] Correa MG, Magalhães JF, Guedes JRB, Carvalho AM, Alberto do Lago L, Gobesso AAO, Ferreira BN, de Almeida Manzano de Campos FP, Campos R, Faleiros RR. (2026). Radiographic and Morphological Prevalence of Dorsopalmar Hoof Distortions in in Brazilian High-Performance Racehorses. J Equine Vet Sci, 105941. doi: 10.1016/j.jevs.2026.105941

[3] Mata F, Franca I, Araújo J, Paixão G, Lesniak K, Cerqueira JL. Investigating Associations between Horse Hoof Conformation and Presence of Lameness. Animals (Basel). 2024 Sep 17;14(18):2697. doi: 10.3390/ani14182697. PMID: 39335286; PMCID: PMC11444133.

[4] Diehl M and Bader K (2026) Progressive structural and functional change in horses: a conceptual framework for systemic equine (patho-)physiology. Front. Vet. Sci. 13:1767386. doi: 10.3389/fvets.2026.1767386


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